23.7.
Today is Tisha B'Av, the ninth day of the Jewish month of Av, our day of mourning. It commemorates the destruction of Jerusalem and the Temple of Solomon by the Babylonians in 586 B.C.—an event that took place over two and a half millennia ago. According to the text of the famous “Lamentations,” the destruction of the Temple was largely the fault of the city’s inhabitants, especially the upper class. To this day, we tend to blame ourselves for everything—an honorable trait that helps us identify our mistakes, but is also dangerous: “It happened because of the sins of their prophets, because of the iniquities of their priests, who shed the blood of the righteous in their midst...”
There is still plenty to mourn today. Just the dead from the recent wars—mostly young people—number several thousand by now. The many wounded, some scarred for life, the thousands of widows and orphans. Last night, as always, we met in synagogue to read the Book of Eicha, usually called the Lamentations of Jeremiah in Christian Bibles, because the rabbis—following some unclear references in the Second Book of Chronicles (chapter 35, verse 25)—attributed this heart-wrenching lament over the destroyed city of Jerusalem to that prophet. Whoever the author was, his text is marked by a gloom and despair over human folly that one cannot forget.
Meanwhile, the U.S. Air Force has bombed targets in Iran for the eleventh night in a row. In the process, new weapons and innovative bombs are being tested. B-1 long-range bombers are being deployed; they’re flying directly from the United States to the theater of operations. This type of warfare is also being tried for the first time.
A German editor asked me today to write an article for his magazine about the situation in the Middle East. “This is going to be a long war,” I replied. “The Revolutionary Guards rule Iran; they want to and must continue fighting—that is the only justification for their existence. The Gulf states and Saudi Arabia are pressuring Trump because they are even more threatened by Iran than we are. The U.S. must defend its bases in the region. The Houthis, too—modernly armed, savage desert tribes—are threatening neighboring countries and can block shipping traffic through the Suez Canal. My problem is: How do I explain to a German readership that, under these circumstances, we have no choice but war?” It would be worth a try, he wrote back.
Tisha B’Av is a day of fasting. Together with Ruchava, our housekeeper, I cleaned two floors. Meanwhile, my wife tidied up her studio. These are the kinds of tasks that make you think. Now, at six in the evening, I’m very exhausted and strangely talkative.
Heute ist tisha b'Av, der Neunte des jüdischen Monats Av, unser Trauertag. Zur Erinnerung an die Zerstörung Jerusalems und des Salomonischen Tempels durch die Babylonier im Jahre 586 B.C. Ein Ereignis, das über zweieinhalb Jahrtausende zurückliegt. Der Untergang des Tempels wurde, glaubt man dem Text der berühmten "Klagelieder", weitgehend von den Einwohnern der Stadt verschuldet, vor allem von der Oberschicht. Wir neigen bis heute dazu, uns selbst an allem die Schuld zu geben - eine ehrenwerte, der Fehlersuche dienliche, aber auch gefährliche Eigenschaft: "Es geschah wegen der Sünden ihrer Propheten, wegen der Missetaten ihrer Priester, die das Blut der Gerechten vergossen in ihrer Mitte..."
Zu betrauern gibt es auch heute genug. Allein die Toten der letzten Kriege, junge Menschen zumeist, mehrere Tausend inzwischen. Die vielen Verletzten, manche fürs Leben gezeichnet, die Tausenden Witwen und Waisen. Wir haben gestern Abend wie immer das Buch Ejcha gelesen, in christlichen Bibeln meist Klagelieder Jermias' genannt, weil die Rabbiner, einigen unklaren Hinweisen im Zweiten Buch Chroniken (Kapitel 35, Vers 25) folgend, die erschütternde Klage um die zerstörte Stadt Jerusalem diesem Propheten zugeschrieben haben. Wer auch immer der Verfasser war, sein Text ist von einer Düsternis und Verzweiflung über die Dummheit der Menschen, die man nicht vergisst.
Inzwischen hat die amerikanische Luftwaffe die elfte Nacht Ziele im Iran bombardiert. Dabei werden neue Waffen und neuartige Bomben ausprobiert. Langstreckenbomber vom Typ B 1 werden eingesetzt, sie fliegen direkt aus Amerika zum Einsatzort. Auch diese Art Kriegführung wird zum ersten Mal ausprobiert.
Ein deutscher Redakteur bat mich heute, für seine Zeitschrift etwas über die Lage im Nahen Osten zu schreiben. "Das wird ein längerer Krieg", antwortete ich zurück. "Im Iran regieren die Revolutionären Garden, sie wollen und müssen weiterkämpfen, das ist die Grundlage ihrer Existenz. Die Golf-Staaten und Saudi Arabien pushen Trump, weil sie noch stärker vom Iran bedroht sind als wir. Die USA müssen ihre Stützpunkte in der Region verteidigen. Auch die Houthi, modern bewaffnete wilde Wüstenstämme, bedrohen die Nachbarländer und können den Schiffsverkehr durch den Suez-Kanal blockieren. Mein Problem ist: Wie erkläre ich einer deutschen Leserschaft, dass wir unter diesen Umständen keine andere Wahl haben als Krieg?" Es wäre einen Versuch wert, schrieb er zurück.
Tisha B’Av ist ein Fastentag. Zusammen mit Ruchava, unserer Haushälterin, habe ich zwei Etagen geputzt. Währenddessen hat meine Frau ihr Atelier aufgeräumt. Das sind genau die Aufgaben, die einen zum Nachdenken bringen. Jetzt, um sechs Uhr abends, bin ich sehr erschöpft und seltsam gesprächig.